Dank der Krise Neues entdecken

Anders denken, andere Wege gehen

 

An einem Abend erhielt ich zu später Stunde einen Anruf von meiner besten Freundin. Zwischen Phasen von Schluchzen vernahm ich es: Während sie an der Arbeit war, habe Ihr Partner seine Sachen gepackt und einen Zettel hinterlassen. Die Trennung sei definitiv und die Vorbereitungen für die Scheidung seien im Gange.

Das tönte gar nicht gut. Sie solle warten, ich würde kommen und dreimal klingeln. Pause, dann kamen nach mehreren Absageversuchen Zeichen von Zusage. Sie solle es versprechen, klar und deutlich, doppelte ich nach. Bis ich diese Zusage hätte, würde ich in der Leitung bleiben. Es gibt Situationen, in denen Freundschaft und Hartnäckigkeit sich nicht ausschliessen.

 

Durch einen Tunnel gehen

Meine Freundin hatte sich für den totalen Rückzug entschieden. Sie würde sich melden, wenn sie es für eine Begegnung schaffe.

„Der Trauer die Ehre erweisen“ nannte es Erhart Kästner in einem seiner Griechenland-Büchern.

 

Aus dem Dunklen ans Licht – wieder in das Leben einfädeln

Eines Tages rief meine Freundin an. Noch mit dünner Stimme kam die Frage, wie weiter? Wann ich vorbeikommen könne? Bei einer Tasse Tee brainstormten wir über das Wie weiter. Was sie denn gerne machen würde, das bislang nicht möglich gewesen sei, erkundigte ich mich. Weiss nicht, war die Antwort. Sie solle doch versuchen etwas zurück in die Vergangenheit zu gehen, probierte ich sie zu motivieren. Na ja, da wäre schon etwas gewesen, aber es würde sich ja sowieso nicht realisieren lassen. Ich liess sie gewähren. Nach einigem Herumdrucksen kam es: Segeln. Aber nur unter der Bedingung, dass ich sie begleite. Überstunden hätte ich ja genug. Wir einigten uns, uns in das Abenteuer einzulassen. Tags darauf meldeten wir uns in einer Segelschule an, und am Samstag ging es los. Darauf ging alles rasch. Nach einer Serie von Segelstunden folgte die Anmeldung zum Segelbrevet. Nach bestandener Prüfung buchten wir ein paar Privatstunden zur Vertiefung unserer praktischen Kenntnisse. Dann wollten wir es wissen.

 

Wir mieteten ein Segelboot

 

 

Kälte, Regen und triefende Nasen konnten uns nichts anhaben – wir waren draussen, hart am Wind.

Erfahrungen wollten wir selber machen. Kreative Segelsetzungen und atemberaubende Schieflagen, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

… und lernten die Tücken des Segleralltags kennen

 

 

Keine freie Steckdose. Was ist mit der Kühlbox? Wie weiter? Wir übten uns in Mut. Gleich zuoberst ansetzen – auf zum Hafenmeister. Wo denn der Kapitän sei, wollte er wissen. Den gäbe es nicht, wir seien eine Zwei-Frauen-Crew. Seine Augen weiteten sich. Na dann, das werden wir ja schaffen. Er verschwand in einem Nebenraum und erschien kurz darauf mit einer Werkzeugkiste und einem Bündel Kabel über der Schulter. Damit ging er den Steg entlang, verschwand bei der ersten Abzweigung und  befestigte auf dem Rückweg das Kabel etappenweise unter dem Steg. Einmal mehr, Hilfe annehmen lohnt sich.

Wir fragten ihn, ob wir ihn zum Ankerdrunk einladen dürfen. Gerne, das würde auch seine Frau freuen. So sassen wir an diesem milden, lauschigen Vorsommerabend zu viert bei einem köstlichen Glas Wein draussen. Eine Ente leistete uns Gesellschaft, und wir durften viel über den Bodensee erfahren. Über Gefahren, Katastrophen und über heitere Ereignisse ausserhalb der Norm.

 

 

Wie wir denn zum Segeln gekommen seien erkundigte sich der Hafenmeister. Sollte da unser erster Segeltag gemeint sein? Er versuchte ein verschmitztes Lächeln zu unterdrücken. Es sei eben so, dass hier am Bodensee Segeln ohne Mann an Bord sehr selten sei. Deshalb sein Interesse. Wir erzählten ihnen die ganze Geschichte.

Als wir am Tag darauf mit den Vorbereitungen für den Aufbruch begannen, kamen überraschend der Hafenmeister und seine Frau. Sie zog ein Päckchen aus ihrer Tasche. Darin sei eine kleine Erinnerung an den Bodensee und an unsere Begegnung. Beim Auslaufen winkten wir uns zu, bis sie aus unserem Blickfeld verschwanden. Ein gutes Omen für das, was immer auch auf uns zukommen möge.