Crashkurs in Kommunikation

Die hohe Kunst des weisen Umgangs mit Konflikten

 

 

An einem Dienstagmorgen kurz nach sieben im vollen Tram unterwegs Richtung Innenstadt. Die Passagiere dösen vor sich hin, nesteln an ihren Kopfhörerkabeln, sind in Handys oder in eine Lektüre vertieft oder lassen ihre Blicke in unbestimmte Weiten schweifen. Das Tram verlangsamt und hält mit kurzem Quietschen an der nächsten Station. Zwei Herren mit dunklen Anzügen und Krawatten kommen dazu. Sie richten sich auf ihren Sitzen ein, lassen die Verschlüsse von ihren Aktenkoffern aufschnappen, entnehmen ein paar Dokumente und beginnen eine leise Unterhaltung.

Drei Stationen weiter. Der Sitz im Gang gegenüber von den beiden Herren wird frei. Eine junge grazile Frau mit Kleinkind steigt ein, Hautfarbe und Aussehen lassen auf karibische oder brasilianische Wurzeln schliessen. In ihrer natürlichen Schönheit sind die beiden nicht zu übersehen und bei Passagieren im näheren Umfeld gibt es deutliche Zeichen in Richtung Wachzustand. Beim freien Sitz angekommen will die Mutter sich setzen, doch der Kleine kommt ihr zuvor – „Mami soll stehen, er sitzen“. Mit der pragmatischen Feststellung, dass er jetzt wohl „etwas durchgeknallt“ sei, greift sie entschieden ein und hisst das zappelnde Bündel auf ihren Schoss. Er gibt nicht so rasch auf. Mit durchdringendem Geschrei versucht er den Sitz zurückzuerobern. Die beiden Herren mit den Akten versuchen ihre Lautstärke anzupassen, um ihre Konversation wieder in Gang zu bringen – keine Chance. Gegenseitige fragende Blicke, dann ein energischer Fingerdruck auf das Knie des kleinen wütenden Nachbars. Verdutzt schaut er auf und vergisst für einen Moment seinen Ärger. Der richtige Moment für die richtige Botschaft: „Hör Kleiner, wenn ich deiner Mutter auf den Knien sitzen dürfte, würde ich mich nicht so saublöd benehmen“. In prägnantem Baseldeutsch und mit entsprechender Lautstärke zeigen die Worte Wirkung. Verunsichert beginnt der Kleine zu schniefen, macht mit grimmigen, trotzigen Blicken in Richtung Nachbarn nochmals seinem Ärger Luft und schmiegt sich dann an seine sanft lächelnde Mama. Die beiden Herren widmen sich wieder ihren Akten.

Zwei Haltestellen später steigen Mutter und Söhnchen aus. Der Kleine winkt zurück und die Herren halten die Daumen hoch. Es verspricht ein guter Tag zu werden.