Äthiopien – Wiedersehen mit einem Freund

Vorwärts schauen, unseren Familien und unserem Land zuliebe

Spuren zurück in das Jahr 1982

 

 

Äthiopien unter dem Regime von Diktator Mengistu Haile Mariam (1977-1991).

Eine äthiopische Familie war mit einem Bekannten von uns befreundet. Sie lernten sich in einem Projekt kennen und wurden Freunde. Seit mehreren Jahren war unser Bekannter wieder zurück in der Schweiz als er von unserer Äthiopienreise erfuhr. Er fragte uns, ob wir gewillt wären Medikamente und anderes Überlebenswichtiges für das SOS Kinderdorf in Addis Abeba mitzunehmen. Wir würden damit grosse Dienste erweisen. Übergeben könnten wir sie seinem äthiopischen Freund, er arbeite mit dem SOS Kinderdorf zusammen. Unser Bekannter registrierte unsere Zweifel. Platzfrage für den Koffer erkundigte er sich. Dies liesse sich leicht lösen. Die Garderobe auf je zwei Sets beschränken, eine kleine Seife, Sonnencrème, Hygieneartikel und die erforderlichen Medikamente, das wär’s. Und es bliebe viel Platz im Gepäck. So habe er es auch gemacht und es habe bestens funktioniert.

 

Überlebenswichtiges für Waisenkinder in Kriegswirren? Wie könnten wir da nein sagen. Blieben da noch die Bedenken beim Gedanken an die Zollkontrolle. Auch das sei kein Problem, das SOS Kinderdorf geniesse Immunität. Vor unserer Abreise nach Addis Abeba übergab uns unser Bekannter  die Medikamente, anderes Überlebenswichtiges und einen verschlossenen und versiegelten Umschlag. Der Inhalt war für den Leiter des SOS Kinderdorfes in Addis bestimmt.

 

Ankunft in Addis Abeba

Unter dem Diktator Mengistu Haile Mariam kam es zu Zwangsumsiedlungen. Fabrikanten, Intellektuelle und andere als Kapitalisten verdächtigte Personen wurden enteignet und ihre Häuser hohen Militärs zugeteilt.

 

Wir trafen die Familie und weitere Enteignete in einem Barackendorf ausserhalb von Addis. Für jede Familie gab es zwei winzige Zimmer, Gemeinschaftstoiletten befanden sich im Hinterhof. Wir übergaben die Sendung. Als wir uns verabschieden wollten, wurde auf unser Aufbruchssignal nicht eingegangen. Sie nahmen uns herzlich als Gäste auf und hiessen uns mit der traditionellen Kaffee-Zeremonie willkommen. Wir schliefen auf Wolldecken am Boden, so wie die anderen auch. In den kommenden Tagen durften wir unseren Gastgeber zu Nahrungsmittelverteilungstouren ins nähere und weitere Umfeld von Addis begleiten. Es ergaben sich natürliche Gespräche, unter anderem auch über die abrupte neue Wohnsituation. Unser Freund brachte es mit einem Satz auf den Punkt: „Was immer diese ‚fellows‘  mit uns machen, unsere Würde lassen wir uns nicht nehmen“.

Nach einer Woche kam der Abschied. Aus der Absicht, gleich nach der Übergabe des Materials unseren Weg fortzusetzen, sind in dieser Woche Verbundenheit und Freundschaft entstanden.

 

12 Jahre später – Auf der Suche nach unserem verschollenen Freund

Auf unserer nächsten Reise nach Äthiopien wollten wir unseren Freund von damals wiedersehen. Das Unterfangen wurde für uns zu einem Wellental der Gefühle. Ein Spagat zwischen Mut und Abenteuerlust bis hin zu Hoffnungslosigkeit ob unserem absurden Unterfangen.

 

 

Wir checkten in ein Mittelklassehotel für Einheimische ein, mit der Absicht jemanden zu treffen, der uns Hinweise über den Verbleib von unserem Freund und seiner Familie geben könnte. Gleich am nächsten Morgen begegneten wir am Empfang einem Herrn im Geschäftsanzug. Er hiess uns herzlich in seiner Heimat Äthiopien willkommen. Ob er irgendwie helfen könne? Wir versuchten unser Anliegen kurz zu fassen. Ja, er kenne ihn, hätte ihn aber vor zirka zehn Jahren aus den Augen verloren. Wir sollten es auf dem grossen Platz versuchen. Im mehrstöckigen Geschäftshaus habe es damals Räumlichkeiten von seinem Arbeitgeber gegeben. Nach unserem herzlichen Dankeschön entfernte er sich mit einem freundlichen Lächeln Richtung Ausgang.

 

Wir wurden fündig. Von weitem entdeckten wir die vielen Klingelknöpfe. Aber die Vorfreude war von kurzer Dauer, die Namensschilder erwiesen sich als leer. Wir hielten Ausschau nach Hilfe. Eine junge Frau trat aus der gegenüberliegenden Liegenschaft. Wir sprachen sie an. Ja, sie kenne unseren Freund persönlich, sie seien Schulfreunde gewesen. Seit vielen Jahren hätten sie sich nicht mehr gesehen, ein Wiedersehen würde auch sie freuen. Sie werde versuchen Bekannte von damals aufzufinden. Am Abend würden wir von ihr hören.

 

In der Millionenstadt Addis Abeba innerhalb von einer halben Stunde zwei Menschen zu begegnen, die unseren Freund kannten gab zu denken. Wir setzten uns in ein Bistro und rührten schweigend in unserem Kaffee, bis er kalt wurde.

 

Zurück im Hotel wuchs die Spannung. Noch fünf Stunden bis zum Anruf. Zuerst hatten wir die Absicht, die Zeit im Hotelzimmer abzusitzen, mit der unterschwelligen Hoffnung, der Anruf möge früher kommen. Dann hielten wir es nicht mehr aus und entschieden uns für einen Ausflug auf den Mount Entoto, den Hausberg von Addis Abeba.

 

 

Wieder zurück im Hotel kam er, der lang ersehnte Anruf. Sie habe unseren Freund gefunden, ob wir es schaffen in einer Stunde auf dem grossen Platz zu sein?

 

Es wurde wenig gesprochen an diesem Heiligabend unter dem Sternenhimmel von Addis. Eine tiefe Verbundenheit umgab uns. Nach und nach erfuhren wir von unserem Freund bruchstückweise von seinem Doppelleben zwischen Familie und Untergrund.

Woher er denn diese Kraft nehme, ohne Aggressionen darüber zu sprechen, wollten wir wissen. Unser Freund schaute versonnen in die beginnende Morgendämmerung. Seine Worte schienen von weit her zu kommen: „Vorwärts schauen, unseren Familien und unserem Land zuliebe, but if you don’t have god right inside of you, forget everything“. Es waren die Abschiedsworte. Bei Tagesanbruch trennten sich unsere Wege.  Unser Freund kehrte zurück zu seinen Verpflichtungen im Alltag, wir begaben uns auf die Suche nach Flugtickets für den Flug nach Lalibela im äthiopischen Hochland.

 

Weiterziehen

Noch am selben Tag fanden wir Plätze und verliessen Addis Abeba. Die Pilotin drehte mit der kleinenDC-3 noch eine Volte über Lalibela und setzte dann geübt auf der holprigen Graspiste auf.